Falsch
*klick*
*klick*
*klick*
*skritsch*
Natürlich blicke ich sofort auf den Boden. Empört, denn irgendetwas muß da wohl liegen und dafür gesorgt haben, daß das traumhaft regelmäßige, taktsichere Klacken meiner metallenen Pfennigabsätze so schändlich unterbrochen wurde.
Ich schaue in die Gesichter der Entgegenkommenden, suche nach einem höhnischen oder mitleidigen Grinsen.
Nach der Miene, die ich vermutlich habe, wenn ich eine Frau sehe, die auf ihren viel zu hohen Absätzen nicht laufen kann und sich trotzdem für unwiderstehlich hält.
*klick*
*klick*
*klick*
Bloß keine weiteren Patzer mehr. Ich muß verrückt sein.
Wir befinden uns übrigens in Berlin. Genauer: in dem ewig langen, kalten, weißbefliesten, blaurund beleuchteten Gang der U-Station Stadtmitte. Er führt von der U2 zur U6 (oder eben umgekehrt, klar).
Es ist 18:00 Uhr abends, Feierabendverkehr.
Viele Anzugträger und Büromäuschen, ab und zu Frauen mit Kinderwagen, denen niemand an der Treppe hilft, und laute Jugendliche mit Walkman. Heißen die noch so? MPirgendwasplayer, modern. MP. Maschinenpistolen.
*klick*
*klick*
*klick*
Meine Gedanken sind abstrus. Ich glaube, sie klammern sich an jedem kleinen Unsinn fest, um sich nicht mit dem Bevorstehenden, Unausweichlichen beschäftigen zu müssen. Die Blonde dahinten, in dem gut sitzenden Kostüm – die hat was. So souverän würde ich auch gerne wirken. Schaue an mir herab und schnippe ein Katzenhaar vom dunklen Ärmel.
Ich atme tief durch, recke das Kinn noch ein bißchen höher und lächle freundlich in die Überwachungskamera oben in der Ecke über dem neu aufgestellten Sparkassenautomaten.
*klick*.
*klick*.
Geschafft.
Die Stufen zur U6 ruhig und ohne Metall-auf-Fliese-Gewitter hinauf, dann rechts am Gleis Richtung Alt-Mariendorf einordnen. Muß ich in der Mitte aussteigen, hinten, vorne?
In der Tasche meines langen Mantels krame ich nach dem Sicherheit gebenden Stückchen Papier. Nicht, daß ich es bräuchte. Ich habe die Adresse auswendig gelernt; zuhause den Stadtplan so lange betrachtet, daß ich die Route kenne und sogar die Nebenstraßen nennen kann. Ich habe einen schlechten Orientierungssinn. Ich will nicht zu spät kommen. Das wäre unhöflich. Und vielleicht würde er denken, daß ich gar nicht komme. Aber…wenn ich vielleicht fünf Minuten später bin? Ob er sich dann mehr freut? Oder auch aufgeregt ist? Oder dann verärgert?
Noch zwei Minuten, laut Fahrtanzeiger. Ich finde sie sehr praktisch, diese Tafeln, die anzeigen, wie lange es noch dauert, bis der nächste Zug kommt. Als ich nach Berlin zog, gab es die noch nicht.
Ich starre das Display interessiert an, um irgendwo hinzugucken. Ein Mann, klein und dick, schaut zu mir. Glaube ich. Sehe ich lächerlich aus? Mit den überroten Lippen, den klickenden Stiefeln, den fast schon streng nach oben gesteckten Haaren?
Ich möchte gerne rauchen.
Die Bahn hält, spuckt die einen Körper aus und saugt andere ein. Mich inclusive.
Wider Erwarten sind sogar Plätze frei, aber ich traue mich nicht, mich hinzusetzen. Dann würde der Mantel vielleicht aufspringen und die Leute meine fast nackten Knie sehen.
Ich fühle, wie einer der angeblich halterlosen Strümpfe etwas abwärts rutscht, möchte unter meinen Mantel greifen und ihn hochziehen. Aber das geht ja nicht. „Was würden die Leute denken“. Der Satz begleitet mich schon ewig.
Die Strümpfe habe ich nachmittags noch beim Xtra an der Eberswalder gekauft, weil ich in meiner textilfressenden Chaos-Wohnung nirgendwo ein Paar zueinander passende gefunden habe. 14,50 €, Wucher für ein bißchen bi-elastische Spitze, die auch noch rutscht.
Nicht, daß er gesagt hätte, daß er mich so oder so sehen will, keineswegs!
Aber daß er Samt und Spitze mehr schätzt als das obligate LLL, hat er dezent durchklingen lassen. Warum sollte ich das nicht für ihn tun? Mir bricht dabei kein Zacken aus der Krone, selbst wenn wir uns heute das erste Mal sehen und er sicherlich nicht in der Position ist, mir irgendwelche Befehle zu geben. Rollen werden erst klar, wenn man sich gegenübersteht, nicht? Alles, was davor passiert, ist bestenfalls ein vielversprechender Briefwechsel.
Ich telefoniere nie vor einem ersten Date. Wenn ich es täte, würde ich wahrscheinlich keine Dates haben, denn ich bin ein Stimmenfetischist und will niemandem begegnen, dessen Stimme mir nicht gefällt. Die wenigsten Männer haben angenehme Telefonstimmen.
Mehringdamm.
Ein paar halbstarke Türken steigen ein. Ich rechne mit einem blöden Spruch, der aber ausbleibt, obwohl der eine länger als nötig auf meinen Mund starrt.
Noch vier Stationen.
Aussteigen.
Auf die Lücke zwischen Bahnsteig und Waggon achten.
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Nicht im Gitter hängen bleiben.
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Mit dem Absatz nicht zwischen den Rolltreppenstufen landen.
*klick*.
Wunderbar, es geht doch. Noch ein paar hastige Schritte hinauf ins Freie – und endlich rauchen!
Draußen ist es schon am Dämmern; die Lichter der Geschäfte, Laternen, Autos funkeln freundlich. Ich bleibe stehen, um die Zigarette anzuzünden und mich kurz zu orientieren. Der Tempelhofer Damm ist lang.
In welche Richtung muß ich gehen?
Hinter mir das Rathaus, vor mir viel Verkehr, schräg gegenüber etwas Grün.
Jetzt ist es nicht mehr weit. Ich schaue auf die Uhr. 18:24h. Ich habe Angst.
Habe ich Angst? Nein, ich bin nur aufgeregt. Oder doch Angst? Hätte ich mich covern lassen sollen? Irgendjemandem sagen, wohin ich gehe?
Aber nein, das wäre albern. Ich bilde mir ein, daß ich ihn gut genug kenne (nach zwei, drei Dutzend E-Mails. Mensch, Mädel, bist du irre?). Die erste richtige E-Mail von ihm war ohne Worte, nur mit Word-Anhang. Ich wollte ihn zuerst nicht öffnen, wegen Viren und so. Natürlich siegte doch die Neugier. Er schrieb mit Garamond, meiner Lieblingsschrift. Und hatte sich Mühe gegeben, das alles so aussehen zu lassen wie einen richtigen Brief. Mit Absender. Richtigem Absender. RichtigerAdresse. Sie kam mir bekannt vor, und ich schaute auf der Arbeit nach: seit knapp vier Jahren wohnt er dort, es sind zwei Zimmer, 58,46qm, 427,18 Warmmiete. Ich kenne seine Bankverbindung, sein Geburtsdatum. Ich weiß, daß er voriges Jahr im Dezember einen undichten Waschbeckentraps hatte und im Jahr davor Ärger mit der Heizung. Für die BeKo-Nachzahlung 2002 hat er eine Ratenvereinbarung getroffen und in drei Monaten abgezahlt.
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Die Straße überqueren, am kleinen Park entlang halblinks. Meine Stiefel werden dreckig sein; es hat geregnet und der Boden ist noch weich. Hier sind nur ein paar Hundebesitzer mit kleinen Kläffern an der Leine unterwegs, die sich ungeniert mitten in den Weg setzen (die Kläffer, meine ich jetzt).
Naserümpfend gehe ich an ihnen vorbei, fühle mich einen Augenblick lang allein und unbeobachtet.
Schnell greife ich unter den Mantel und ziehe den rutschenden Strumpf hoch.
Ich will ihn beeindrucken. Und wenn ich das nicht kann, dann wenigstens bezaubern. Er hat mir Bilder von sich geschickt: er sieht gut aus. Sehr gut. Groß, durchtrainiert, ein markantes Gesicht mit Brille und Lachfältchen. Es waren wohl diese Lachfältchen, die mich meinen Mut zusammennehmen ließen. Als er sagte, er wolle mir etwas schicken, gab ich ihm auch meine Daten. Ja, ja, ja, ich weiß – das macht man nicht. Könnt’ ja ein totaler Spinner sein, der dann plötzlich vor der Tür steht.
Egal. Er stand nicht vor der Tür, stattdessen öffnete ich ein paar Tage später einen Umschlag.
„Zur weiteren Verwendung“
Eine schöne Handschrift hat er, ganz gleichmäßige Ober-und Unterlängen.
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*skritsch *
Unebene Gehwegplatten jetzt mit Unkraut dazwischen. Ich schaue auf das Straßenschild. Berliner Hausnummern entbehren jeder Logik. Mal sind sie fortlaufend auf einer Seite der Straße, mal in gerade und ungerade geteilt. Beide Systeme sind okay. Aber hätte man sich nicht auf eines beschränken können?
14 ist irgendwo zwischen eins und 20 rechts. Oder eben auf der Seite gegenüber, dann muß ich halt noch mal zurücklaufen.
Es ist 18:38h. Ich habe Angst. Daß er enttäuscht sein wird von mir. Ich ihm nicht gefalle. Daß ich nicht weiß, was ich tun soll. Daß ich alles falsch machen werde. Mein Magen dreht sich um. Ich bin froh, daß ich kein Handy habe. Sonst würde ich ihn anrufen und absagen. Quatsch, nein, würde ich nicht! Es wäre unhöflich, würde auch gar nicht gehen. Und ich freue mich doch auch auf ihn.
Ich erinnere mich an meinen Fallschirmsprung im Sommer: die Beine waren schon draußen, außerhalb des Flugzeuges, meine Hand am Griff innen. Der Mann, an den ich geschnallt war, würde sich gleich vornüber kippen lassen und mich herausstoßen. Ein kurzer Augenblick grenzenloser Panik, der einfach kam, trotz aller Vorfreude.
Wer aus einem Flugzeug springt, wird auch das hier schaffen. Wer ist er denn schon? Was kann mir an seinem Urteil liegen, selbst wenn es vernichtend sein wird?
Wird es nicht, wird es nicht, wird es nicht. Ich bin toll. Wer’s nicht mitkriegt, hat selbst Schuld.
16.
Ich bin dran vorbeigelaufen.
Kurz muß ich auflachen und über mich selbst den Kopf schütteln. Drehe mich um, geh’ die paar Schritte zurück.
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*klick*
Die Eingangstür.
Offen. Wie er gesagt hatte.
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*klick*
Ob Nachbarn durch die Türspione gucken? Ob er dort in seinem Zimmer auf meine Schritte lauscht?
Ganz bedacht, ganz regelmäßig setze ich einen Fuß vor den anderen. Stehe dann vor seiner Tür. Sie ist braun gestrichen, die Farbe blättert ein wenig ab an manchen Stellen. Eine Fußmatte liegt davor, aus diesem grauen Material, dessen Namen ich nicht kenne.
Ich nehme den Schlüssel aus der Tasche „zur weiteren Verwendung“. Meine Hand zittert fast nicht.
Im Flur Dielen, abgeschliffen und versiegelt. Eine Kommode, anscheinend Second Hand und schon etwas älter. Ich kenne mich nicht aus mit Möbeln, aber sie ist hübsch.
Wenn ich meinen Mantel jetzt ausziehe, bin ich endgültig hier.
Ich tu’s.
Die Tür links führt zu Deinem Wohnzimmer. Du wirst dort warten, hast Du geschrieben.
Ich hole noch einmal tief Luft.
*klick*
Drücke die Klinke herunter.
Gehe auf Dich zu.
*klick*.
Du stehst bewegungslos mitten im Zimmer.
Dein Gesicht ist dem Fenster zugewandt.
Ich kann Dich sehen.
Und die Angst ist weg.
„Dreh’ dich um“, sage ich leise.
Mit gesenkten Augen folgst Du meiner Stimme und ihren Worten.
Ich nehme den anderen Schlüssel, den kleineren, und stecke ihn in das Schloß.
Mit einem leisen „Klick“ rastet es ein.
©avean