Wunde(r)n
Frauen sehen immer ein bißchen so aus wie offene Wunden, nicht wahr?
Wir hatten uns darüber unterhalten, vielleicht erinnerst Du Dich daran. Nicht jetzt, natürlich. Das ist ausgeschlossen. Der dunkle Fleck unter Dir breitet sich aus und sickert bedächtig in das Laken. Weiß bezogen. Er wird nie wieder herausgehen. Ich werde Dir das Laken mitgeben. Als Andenken. Dich ganz einfach hineinwickeln, wenn Du zu frieren anfängst.
Ich habe Dich so lieb, so sehr, sehr lieb, ganz ungerührt. Langsam streiche ich mit meiner Fingerkuppe über Deine Wangen. Feucht. Den Hals hinunter. Auch feucht. Zwischen Deinen Brüsten klebt es ein wenig. Dir sind sie zu klein, sagtest Du. Ich tat überrascht und ließ meinen Blick in Deinen Ausschnitt wandern. Du machtest eine wegwerfende Handbewegung und lachtest mich an: " Ach, nur gut ausgepolstert!" Ich stimmte in Dein Lachen ein. Oh ja, all die kleinen, ach so weiblichen Tricks. Wer wüßte besser um sie als ich? Ich frage mich, wie Dich ein Mann jetzt betrachten würde. Wäre er enttäuscht von den Dellen auf Deinen Schenkeln, die die blickdichten Strumpfhosen verbergen? Von den Ringen, die Dein Bauch jetzt wirft, da er nicht verschnürt ist? Von Deinen "zu" kleinen Brüsten, die nicht durch einen BH hochgeschoben werden? Ich habe mir abgewöhnt, das Wörtchen "zu" zu verwenden, wenn es um menschliche Körper geht. Woran denn gemessen, dieses "zu"? An unseren Barbiefeindinnen auf den Plakaten, die wir so gerne sein-müßten-werden-sollten?
Der Fleck wird größer. Ist das ein Herz, das er aufs Bett malt?
Tiefer gleitet meine Hand, kümmert sich nicht um die sie begleitende Gänsehaut.
"Du hast meine Finger verklebt", stelle ich leise fest und schüttele dabei langsam den Kopf. Du kannst mich hören. Ob Du es tust, weiß ich nicht. Und ich habe keine Lust, in Deinen Augen nach einer Reaktion von Dir zu suchen. Ich betrachte mir meine Fingerspitzen und reibe sie gegeneinander. Kleine, dunkelbraune Krümel fallen von ihnen herab. Ich schnuppere daran. Gut riecht es nicht. Nur nach Frau und Verletzung.
Hatte ich schon erwähnt, daß mich Frauen an offene Wunden erinnern? Es ist ganz gleich, was man an ihnen beiseite schiebt, wo man hineinguckt: es ist immer sehr rosa und sehr feucht. Manchmal blutet es auch.
Bei den richtigen Frauen. Ich mag das. Es muß Dir nicht peinlich sein. Wir sind doch unter uns. Ganz allein zusammen, niemand schaut uns zu und stört. Ich bleibe kurz bei diesem Gedanken und überlege, ob er mir gefällt oder nicht. Ich bin kein Egoist, nein. Gerne teile ich, was mir Freude macht. Genieße auch den Neid der anderen, die nicht so Schönes haben, nie besitzen werden. Oder es schon haben und nicht erkennen. Wüßte ich nur einen, der Dich so sehen würde wie ich - vielleicht bäte ich ihn zu uns.
Alles an Dir ist Schmetterling, weißt Du das? Weit, weit auseinander gezogen stehen Deine Arme und Beine vom Körper ab. Über die dicken Knoten, die sie halten, habe ich Stoffbahnen von grünem Tuch gelegt. Es ist hübscher so, finde ich. Und verleiht Dir einen Eindruck von Leichtigkeit, Beweglichkeit. Du hast ein bißchen gezappelt vorhin, Dich herumgerollt und kichernd protestiert. Es war nur ein kleiner Anflug von Angst in Deiner Stimme; ich nehme an, Du hast es selbst nicht mal bemerkt. Schmunzelnd muß ich an unser Kennenlernen denken. Es war so ein unsäglich langweiliger Stammtisch im Chagall. Ich saß zwei Tische von Dir entfernt und beobachtete amüsiert, wie Dich die anderen Frauen grün vor Neid angifteten, während Du Dich der mehr oder minder tölpelhaften Annäherungsversuche der sabbernden Kerle erwehrtest. Du wußtest ganz genau, wie Du sie um den kleinen Finger wickeln konntest, stimmt’s? Innerlich grinste ich breit, als ich Dir dabei zusah, wie Du kapriziös mit Deiner Zigarette herumwedeltest und sich der arme Kerl, der Dir Feuer geben wollte, an seinem Streichholz fast die Finger verbrannte. Wie sagte der große Oscar doch gleich? Wer sich verbrennt, versteht nichts vom Spiel mit dem Feuer. So oder so ähnlich.
Stöhnst Du gerade, mein kleiner Schmetterling?
Ja, die Klammern tun Dir jetzt weh, ich weiß. Es ist ein seltsam Ding mit Klammern: an den Spitzen der Brust beißen sie sofort zu, dann gewöhnt man sich daran und es ist eigentlich nur noch ein warmes Gefühl. Untenrum ist es genau umgekehrt. Der anfänglich leichte Druck, den man kaum richtig ernst nimmt, steigt mehr und mehr. Irgendwann fängt es dann an zu pochen, als ob das anschwellende Fleisch sich gegen die Klemmen wehrt und sie abzuschütteln versucht. Es klopft immer heftiger gegen das Metall, und der Schmerz wird mit jedem einzelnen Pochen in Wellen durch den Unterleib und höher hinauf gejagt.
Du bist noch nicht ganz soweit, denke ich, und schaue auf die Uhr. Erst eine Stunde. Nein, nein, ein bißchen hältst Du es noch aus. Warst Du es nicht, die sich zuerst über die Männer lustig zu machen begann, nachdem wir gegangen und in ein anderes Café eingekehrt waren? Wir scherzten gemeinsam über die Subbietricks, vom klassischen "ich muß mal" über falsches Zittern bis zur künstlichen Hustenattacke. Ach ja, so einfach, der eigenen Feigheit nachzugeben. Wenn man Dir ein Codewort geben würde - Du würdest es aussprechen, sobald es auch nur ein bißchen unangenehm werden würde, hm? Und "unangenehm" wäre nur ein anderes Wort für "nah". Wir unterhielten uns wie Komplizinnen in jener Nacht. Du dachtest, ich wäre Deinesgleichen. Ich ließ Dich gerne in dem Glauben.
Und nun liegst Du hier, und all Deine Schliche nützen Dir nichts. Du weißt das. Ich weiß das.
Dachtest Du denn, ich mache nur Spaß? Vorhin, als ich wie ein spielendes Kind ein paar Knoten um Dich schlang und dabei über meinen Ex lästerte ("Schau, und dann hat er mich so festgemacht...war doch klar, daß das nicht hält"), lachtest Du unbeschwert mit und ließest es zu, wohl wissend, daß Dir an meiner Seite nichts passieren könne. Mädels unter sich, nicht wahr? Und zwei subbies noch dazu...was soll da schon geschehen? Ich zog die Seile nicht fest an sondern ließ Dir noch ein bißchen Raum zum Zappeln. Bis mich Deine unbeschwerte Fröhlichkeit zu langweilen begann und der Wunsch, Dich endlich pur zu sehen, übermächtig wurde.
Vom ersten Moment an war das mein Gedanke: Wie würde sich dieses hübsche, sich seiner Wirkung so sehr bewußte Gesicht verziehen, wenn das Hirn ihm keine Miene mehr diktiert? Ich freue mich auf nachher, wenn ich Dir den Knebel herausnehme. Vorhin mußte der einfach sein. Du hast geschimpft wie ein Fuhrknecht, ganz schrecklich unweiblich. Das wollte ich mir nicht länger zumuten. Und den Nachbarn erst recht nicht. War das der Moment, an dem Du merktest, daß es ernst wird? Oder kam der, als Du nackt und aufgespreizt und unbeweglich vor mir lagst? Ich wüßte gerne, was in Deinem Kopf vor sich geht. Im einzelnen. Ich wünsche mir, daß er seine Vorherrschaft jetzt abgetreten hat und Dich nicht mehr belästigt.
Ich schnippe mit den Nägeln gegen die Klammern. Wieder ein Geräusch. Ich nehme den kleinen Blasebalg und drücke ihn zwei-, dreimal. Der Druck lenkt Dich von dem Pochen der Klammern ein Weilchen ab, nehme ich an. Es hatte seinen ganz eigenen Reiz, diese zu befestigen und mit den Knoten an Deinen Fußgelenken zu verbinden. Als ich das Seil straff zog, blätterten sie Dich auf und enthüllten Rosenrotes, getrübt durch einen schmalen Streifen Blau. Deine Gesichtsfarbe wechselte zu ebensolchem Rosenrot, als ich am Blau zog und es schmunzelnd in einer Schale neben Deinem Kopf deponierte. Sag, bist Du Dir peinlich, Frau? Du schautest mich nicht an, und antworten konntest Du nicht. Aber die Farbe Deiner Wangen war deutlich genug. Ich lehnte mich zurück und betrachtete Dich, wie jetzt auch. Die ersten braunen Perlen rannen aus Dir herab, ganz ohne mein Zutun. Ich konnte der Versuchung nicht widerstehen und griff in Dich hinein.
Vielleicht hatte ich es schon gesagt, aber ich finde, Frauen sind ein bißchen wie offene Wunden. Und wenn man sie berührt, wirklich berührt, ganz tief drinnen, dann platzen sie manchmal auf und malen Herzen. Auf weißem Grund.
©avean